Leben lässt sich nur rückwärts verstehen…

…muss aber vorwärts gelebt werden. Als ich gestern den ersten Teil von der Diagnose bis Heute schrieb, sind mir selber rückblickend einige Lichter aufgegangen. Von Sachen, die in der Vergangenheit passiert sind, seien sie noch so schlimm gewesen, kann man oft auch ein „Ja, aber ohne das wäre dies nicht passiert“ ziehen. 2012 war definitiv nicht mein positivstes Jahr. Im Gegenteil. Ich kann mich, kaum an ein anderes so intensives, beschissenes Jahr erinnern. Ganz oft dachte ich „wann ist das alles endlich vorbei?“. Ich habe mich gestern Nachmittag noch mit einer Bekannten getroffen mit der ich auch ein wenig darüber sprach und war plötzlich selbst überrascht, als ich mich sagen hörte „Aber rückblickend sind diese ganzen beschissenen Sachen das beste was mir passieren konnte.“

Der Dezember entspannte sich dann wieder. Nach dem ersten Aura Seminar und der Woche davor hatte ich quasi Flügel bekommen und fühlte mich sehr ausgeglichen. Die intensive Lehrzeit zwischen Nachsorge und MRT war vorbei und ebbte langsam etwas ab. Ich hatte in der kurzen Zeit viele neue und schöne Erkenntnisse gewonnen. Das für mich wichtigste was sich grundlegend geändert hat, war die Angst vor dem Tod. Auch dies habe ich im vorletzten Beitrag schon erwähnt, erzähle es aber für alle die den besagten Beitrag nicht gelesen haben gerne noch mal.

Ich hatte oft den Wunsch, wenn ich alt bin ganz entspannt zu sein und den Tod als spannendes Abenteuer sehen zu können vor dem man keine Angst hat. Diesem Wunsch bin ich im Dezember etwas näher gekommen. Allerdings habe ich auch den großen Wunsch ganz alt zu werden und noch viele wunderbare Sachen zu erleben. Das ich keine Angst mehr vor dem Sterben habe bedeutet nicht, dass ich es jetzt will. Im Gegenteil. Meine Sicht auf das Leben verändert sich ebenfalls immer mehr und ich nehme vieles bewusster wahr und freue mich noch mehr als zuvor über alles, was mir täglich begegnet und widerfährt.

Aber weiter im Text. Etwas merkwürdiges passierte am 01.01.2013. Ich aß ja 2012 immer noch hin und wieder Fleisch. Am 01.01. wusste ich, dass ich das nie wieder tun würde. Von einen auf den anderen Tag konnte ich plötzlich kein Fleisch mehr essen. Auch das hatte ich mir hin und wieder gewünscht. Endlich mal komplett auf Fleisch zu verzichten. Da ich auch vorher nicht mehr viel Fleisch aß, viel es mir auch nicht schwer nun ganz darauf zu verzichten. Es war, als ob jemand einen Schalter umgelegt hatte.

Ende Januar sollte dann die Ultraschall Untersuchung sein, da ja nach dem MRT im Dezember die rechte gesunde Brust noch mal kontrolliert werden sollte. Ein paar Tage vorher fing ich wieder an geführte Meditationen zu machen. Das hatte ich etwas schleifen lassen, obwohl ich mir fest vornahm, mehr Zeit mit mir zu verbringen. Aber offensichtlich brauchte ich immer wieder einen kleinen Anschubser. Nachdem ersten Ultraschall sollte vorsichtshalber noch mal eine andere Ärztin drauf schauen und nach dem zweiten bekam ich dann endlich die Nachricht, dass alles gut aussehe und man dann im Mai noch mal wieder zur nächsten Nachsorge schaut ob sich was verändert hat.

Eine Woche später war dann das zweite Aura Seminar. An diesen Wochenenden lerne ich immer einiges und man bekommt wieder einige neue Erkenntnisse. Unter anderem ging es diesmal darum, wie man sich selber behandeln kann. Wieder eine Aufforderung oder sagen wir Anregung sich mehr mit sich selbst zu befassen. Außerdem ging ich ein Mal die Woche zum Pilates. Auch wenn ich noch nicht so viel Sport machte, wie ich wollte (zumindest in der Theorie), so fing ich immer mehr an mich mit mir selbst zu beschäftigen und öfter mit mir alleine zu sein. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist, dass ich mich mit einem Buch in mein Lieblings Cafe setze, mir einen vegetarischen Bagel, ein Leitungswasser, einen frischen O-Saft und einen Caramel Macchiato mit Sojamilch bestelle und einfach da bin und lese. So etwas hätte ich früher nie gemacht. Ich konnte nie verstehen, wie Menschen alleine raus gehen konnten. Natürlich habe ich schon immer alleine eingekauft und Besorgungen gemacht. Aber in ein Cafe gehen und was trinken gehörte definitiv in die Kategorie „mit anderen machen“.

Nun sind wir bereits bei den letzten zwei Monaten angekommen und je näher wir bzw. ich mit dem erzählen der Gegenwart komme, umso schwammiger wird alles, weil ich noch nicht genug Abstand dazu habe. Eine Sache die ich aber noch wichtig finde ist, dass ich mir eine Therapeutin nach Robert Betz in Hamburg gesucht habe um regelmäßig neue Denkanstöße zu bekommen und um altes aufzuarbeiten und zu heilen. Während meiner Chemo und auch noch eine Zeit lang danach war ich regelmäßig bei einer Psychologin die auf Krebspatienten spezialisiert war. Es fühlte sich irgendwie immer merkwürdig für mich an dort zu sein. Zwar war es ganz schön mal alles zu erzählen was so passiert, aber das konnte ich genau so gut mit einer Freundin. Ich habe dort weder Denkanstöße noch Hilfen mit auf dem Weg bekommen, die mich in irgendeiner Art und Weise unterstützt hätten. Den Entschluss gefasst dort nicht mehr hinzugehen habe ich dann im September, als ich nach mehrwöchiger Pause wieder dort war um das erlebte zu verarbeiten und sie mir vermittelte, dass ich die Verbindung zu den Menschen kappen müsse um endlich alleine klar zu kommen.

Nach all dem, was in den 1,5 Jahren passierte, nach den Büchern und Hörbüchern, bin ich heute fest der Überzeugung, dass Krankheit keine Lotterie ist. Wir haben nicht nur den physischen Körper den wir sehen können. Selbst unsere Gedanken senden Energie aus (wovon ich mich im übrigen im April beim Aura Seminar III selber überzeugen konnte). Aktuell lese ich gerade „Das Buch der Heilung (ich füge den Link rechts in der Sidebar zu den anderen Links dazu). Krankheit ist ein Zeichen (Symptom), dass etwas im System nicht rund läuft. Krankheit ist nicht die Ursache. Ein ganz reduziertes, simples Beispiel ist folgendes: wenn ich dehydriert bin, bekomme ich Kopfschmerzen. Dann eine Kopfschmerztablette zu nehmen gaukelt mir vor, die Schmerzen seien weg. Das sind sie aber nicht, da wir nicht an die Ursache, die Dehydrierung gegangen sind. Ich denke mit dem Beispiel kann wirklich jeder was anfangen. Gleiches gilt im großen auch. Überall wird beschrieben, dass sich eine Ursache bzw. das Problem wenn man es sich nicht anschaut und behandelt, als Krankheit zum Ausdruck bringt. Denn das ist das, was wir offensichtlich erkennen. Behandelt man dann nur das Symptom, verdrängt man es also und arbeitet nicht an der Ursache, so wird sich diese irgendwann wieder Gehör verschaffen wollen und dann womöglich lauter als zuvor.

Jeder medizinische Zweig hat seine Berechtigung. Ich möchte gar nicht anfangen das eine oder das andere System schlecht zu reden. Denn auf den jeweiligen Ebenen ist jede Richtung wunderbar. Jedoch bin ich der festen Überzeugung, dass sich alle Zweige zusammen schließen sollten um dann ganzheitlich auf den Menschen schauen zu können und die bestmögliche Behandlung für diesen zu finden. Da dies aber heute noch nicht der Fall ist, muss man selber zusehen, wie man die für sich beste Behandlung bekommt und das ist, besonders wenn man eine Diagnose wie Krebs bekommt, nicht leicht. Die Schuldmedizin hat einen dann weg geschnappt und reicht einen sofort von einem zum nächsten Schulmediziner. Und natürlich hat man selber eine große Angst und hat oftmals nur den Wunsch „nehmt es raus.“. In vielen Fällen ist die Schulmedizin meiner Meinung nach ein Retter. Wenn sie aggressiv den Kampf aufnimmt gegen das, was den Körper ansonsten zerstören würde.

Doch ist dies dann nicht ein Kampf gegen den Menschen? Wie gesagt, in vielen Fällen ist die Schulmedizin die letzte Rettung. Aber was ist danach? Wenn der Kopfschmerz durch die Tablette betäubt wurde, die Dehydrierung aber weiterhin bestehen bleibt? Der Krebs rausgeschnitten und vernichtet, die Ursache aber weiterhin bestehen bleibt? Und das ist der Moment, in dem man anfangen sollte die Dinge zu hinterfragen. Nun ist eine Dehydrierung etwas greifbarer und nicht so komplex wie eine nicht vorhandene Selbstliebe. Ich wünsche mir sehr, dass jeder Mensch sich mehr mit diesen Dingen beschäftigen würde. Dann würde jeder anfangen, sich erstmal mit sich selbst zu beschäftigen. Während dieser Suche würde er auf andere Dinge stoßen die ihm lehren, dass alle Menschen gleich sind und während dieses Entwicklungsprozesse würde sich auch die Welt ändern, weil wir alle ein ganz neues Bewusstsein für das Leben, die Menschen und die Dinge bekämen.

Kommen wir nun letzten Endes auf den ersten Absatz vom letzten Beitrag zurück. Nachdem ich euch erzählt habe, wie ich zu gewissen Ansichten und Überzeugungen gekommen bin, könnt ihr euch vorstellen, in welchem Zwiespalt ich mich befinde. Auf der einen Seite ist da die Angst irgendwann noch mal krank zu werden und wieder diesen ganzen schulmedizinischen Kack mit zu machen (der mir natürlich geholfen hat die Krebszellen zu beseitigen aber der immer diverse Nebenwirkungen hat). Deswegen denke ich oft wie ein aufgescheuchtes und doch stures Huhn „Pöh, dann lass ich mir die Brüste einfach entfernen und gut.“. Dann gibt es den Zwischengedanken, der mir sagt, dass ich in den dunkelsten Stunden das meiste gelernt und mich am schnellsten weiter entwickelt habe (und ich kann mir mein Leben vorher gar nicht mehr vorstellen). Sollten also irgendwann mal wieder „schlimme“ Zeiten auf mich zukommen, weiß ich, dass ich daraus am meisten lernen werde. Und dann kommt der Gedanke Nummer drei, das alles raus schneiden nichts bringt wenn ich nicht die Ursache angehe. Gefolgt von Gedanke Nummer vier „habe ich die Ursache schon genug behandelt um zumindest keinen Krebs mehr zu manifestieren?“.  Wenn nicht, dann bringt mir das entfernen der Brüste auch nichts. Im Gegenteil. Was, wenn es dann wo anders und schlimmer wieder kommt?

Das sind meine Gedanken die mich immer wieder zu einer Antwort bringen: „Behandele die Ursache! Sollten Schicksalsschläge kommen, nehme sie dankbar als Lektion entgegen. Sei bewusst und dankbar. Gehe tiefer. Behandele die Ursache!“

Das wiederum bringt mich, zumindest bis zur nächsten Angstattacke, zu folgendem Umkehrschluss: „Brüste abschneiden ist Quatsch.“

3 Kommentare


  • Dajana

    Hallo Julie,

    ich selbst kann mir Dein Kampf gegen den Krebs nur vorstellen und diese Vorstellung wird den wahren Ausmaßen wahrscheinlich nicht gerecht. Ich kann verstehen, dass Du Angst hast, dass der Krebs wieder ausbricht. Das kann sich sicher in eine größere Belastung verwandeln, als der Kampf gegen den Krebs an sich. Es ist absolut menschlich, dass man versucht sich zu schützen und in gewisser Weise vorzubeugen. Eine Beschäftigung mit der eigenen Person kann, denke ich, in einem gewissen Rahmen zur Verbesserung des eigenen Gefühlslebens beitragen. Wenn jedoch die Angst und damit der Druck wächst, in sich gehen zu müssen, weil Du sonst das Gefühl hast, der Krebs könnte wieder kommen, dann schwächst Du Dich. So habe ich beim Lesen den Eindruck bekommen. Vielleicht irre ich mich da ja, Deine Zweifel kommen klar zum Ausdruck. Hier ist ein Link zu dem Artikel über einen Onkologen, dessen Frau selbst betroffen war: http://www.abendblatt.de/kultur-live/article115696010/Das-Portraet-einer-unsterblichen-Krankheit.html . In dem Artikel ist zu lesen, dass es eine Krebspersönlichkeit nicht gibt – dass bedeutet, dass es keine psychischen Dispositionen für eine solche Erkrankung gibt.(Diese Aussage kommt zwar von einem Schulmediziner, aber er war indirekt selbst betroffen.) Ich wünsche Dir, dass Du mit dem positiven Denken, mit dem Du die Krankheit überstanden hast, auch die Angst überwindest, wieder zu erkranken. Denn über all der Angst, vergisst man schon mal wirklich zu leben und dem Leben Qualität zu geben. Frei durchzuatmen, ohne einen beklemmenden Kloß im Hals.

    Alles Gute wünsche ich Dir unbekannterweise.

    Viele Grüße,

    Dajana

    April 29, 2013
    • Julie

      Liebe Dajana,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Offensichtlich komme ich verängstigter rüber als ich es bin. Das ist jedoch nicht der Fall. Mein Leben ist heute viel schöner, intensiver und „mehr ich“ als es jemals vor der Diagnose war. Der Preis dafür ist, dass man eben ab und zu Mal Angst hat. Ich denke das kennt jeder Krebspatient. Vor allem vor den Nachsorge Terminen.

      Wenn jedoch die Angst und damit der Druck wächst, in sich gehen zu müssen, weil Du sonst das Gefühl hast, der Krebs könnte wieder kommen, dann schwächst Du Dich.

      Damit gebe ich dir zu 100% Recht. Ein „ich muss mich jetzt ändern“ setzt einen nur unter Druck und das ist natürlich eher negativ. Schöner ist ein „ich will mich jetzt ändern“. Und wenn man sich nicht ändern möchte, dann ist das natürlich auch ok. Ich merke jedoch, wie sehr ich mich verändert habe und das ich den neuen Weg ganz wunderbar finde. Tatsächlich würde ich mir für alle wünschen, dass sie früher oder später ähnliches erfahren dürfen. Aber das liegt natürlich bei jedem selbst 🙂

      In dem Artikel ist zu lesen, dass es eine Krebspersönlichkeit nicht gibt – dass bedeutet, dass es keine psychischen Dispositionen für eine solche Erkrankung gibt

      Von dieser „Krebspersönlichkeit“ habe ich auch schon gehört und ehrlich gesagt kann ich damit nicht viel anfangen.^^ Mir geht es darum zu vermitteln, dass Körper, Geist und Seele zusammen gehören und wir dafür mehr und mehr ein Bewusstsein bekommen. Ich glaube die Krebspersönlichkeit ist ja nur auf die Psyche zurück zu führen.

      Alles Liebe, Julia

      April 29, 2013
      • Julie

        Mit „ähnliches erfahren dürfen“ meine ich natürlich nicht den Krebs^^

        April 29, 2013

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